A Sunny Place for Shady People | Cruise & Callas | Berlin | 2014

Is this blackness or the pitch-black borderline between two worlds? Time and time again, the character that goes ahead of itself touches the difference, while you can watch him trying to enter this world. The window glass is the translucent border, the vitrine of existence, the threshold on which the slightly confused character patters back and forth in the mystical predispostion of his anticipation. Bird twitter, later airplane-noise. Is this the water-surface of the soul, tilted vertically ? How does this being  arise and under whose eyes? Who observes it? Or is it an invisible observer itself – a shadow from a different world, who doesn‘t miss anything? Would shadows petrify, the world would double its weight – to nemesis. Cheers Chiaroscuro!

Speculative realists know, how common stones feel, “Stones Feel Dizzy“, said Graham Harman, yet Stefan Rinck‘s stones obey to a different form, that keeps developing. The central little being stands at the border between “to be or not to be“, challenges it and puts it to negotiation with every passover. It is one of many dynamic agents who excite these transitions. After all, there where it‘s unclear if the being one has to do with is alive or not alive, horror enters the scene.

 

Marmorkopf. Traum – Grabhügel – Abend, Unwirklichkeit. Ein Fest?

Aus dem Notizbuch von H. P. Lovecraft

 

Ist es ein Fest? Nun, zumindest ist es ein Ort zum Feiern. „A Sunny Place for Shady People“ – der Titel der Ausstellung von Stefan Rinck entstammt dem Kosmos William Somerset Maughams, der damit die französische Riviera meinte, wo er in der Villa Mauresque an der Côte d‘ Azur legendäre Parties gab. Eine illustre Mischung von Gästen aus Haute Volée und Halbwelt assistierte ihm dabei, flackernd, dunkel, überhell, Chiaroscuro heißt der Cocktail, den sie alle trinken, o die bewegten Grenzen. Das Fest geht offenbar weiter – aber Sie wissen noch nicht, dass Sie eingeladen sind.
Ist das Finsternis oder die pechschwarze harte Grenze zwischen zwei Welten? Immer wieder rührt das Wesen, das sich selber vorausgeht, an die Unterscheidung, während Sie es bei seinen Versuchen, in diese Welt einzutreten, beobachten können. Die Scheibe ist die lichtdurchlässige Grenze, das Schaufenster der Existenz, die Schwelle, auf der das Wesen in der mystischen Prädisposition seiner Vorgängigkeit leicht verwirrt hin- und herwippt. Vogelgezwitscher, später auch Flugzeuglärm. Ist das der Wasserspiegel der Seele, in die Senkrechte gekippt? Wie entsteht dieses Wesen, und unter wessen Blicken? Wer beobachtet es? Oder ist es seinerseits ein unsichtbarer Beobachter, ein Schatten aus einer anderen Welt, dem nichts entgeht? Würden die Schatten versteinern, verdoppelte sich das Gewicht der Welt – zum Untergang. Prost Chiaroscuro!

Spekulative Realisten wissen, wie sich gemeine Steine fühlen, „Stones Feel Dizzy“, sagte Graham Harman, aber Stefan Rincks Steine gehorchen einer anderen, sich immer weiter entwickelnden Form. Das zentrale kleine Wesen steht an der Grenze zwischen Sein und Nichtsein, fordert sie heraus, stellt sie bei jedem Übertritt neu zur Verhandlung. Es ist einer von vielen dynamischen Agenten, die diese Übergänge hochreizen. Doch da, wo unklar ist, ob das Wesen, mit dem man es zu tun hat, belebt oder unbelebt ist, tritt sogleich der Horror ins Feld.

Die spekulativen Realisten sind, vielleicht etwas übereilt, angetreten im Rückblick auf den Poststrukturalismus, die Karten von Immanenz und Transzendenz neu zu mischen. Das Denken soll sein eigenes Ende denken, oder vor seinen Anfang zurücktreten, um sich aus der Ferne zu sehen. Die Neubefragung der Grenzen von Belebtem und Unbelebtem bringt sie in die Nähe von Topoi der Horrorliteratur – Arbeit am Grauen, Zombie-Motivik, oder „das überwältigende, nicht zu bändigende Leben, das (als Werwolf oder Tiermensch) in eine halbtote Kultur einfällt“, so Avanession und Quiring im Vorwort von „Abyssus Intellectualis, Spekulativer Horror“.

Wir kennen die Belebung von Dingen zur quasi beseelten Ware auch aus dem Horror-Szenario des Konsums. Diesen armen Dingen, die von einer ganzen Bewusstseinsindustrie als Ware für den Kunden animiert und mit Begehren aufgeladen werden sollen, gesellt Stefan Rinck unbelebt-belebte machtvolle Wesen zu, die den Menschen mit anderen Mitteln ihre Subjektivität streitig machen.

O Implosion des Mineralischen in eine menschenleeren Welt, in der steinerne Tiere die Attribute der Souveränität für sich in Anspruch nehmen. Atomisierte Rudimente entweichen aufgelassenen Sakralbauten, setzen sich wieder zu Sandkörnern zusammen, versteinern, werden als Wasserspeier angestellt und kommen in ihren fürchterlichen Geschichten an.

Mehrere Versuche, die Dämonen zu verwirren schlugen fehl. Sie kehrten immerzu an den Tresen zurück. Wir sagten: Geht nachhause. Ihr braucht uns nicht. Doch sie blieben. Wir fragen sie, wozu sie uns benötigten. Sie schwiegen, grimassierten, dann sagten sie: Als Gäste, als Gäste auf unserer Hochzeit. Denn Ihr seid alle eingeladen. Es wird ein Fest sein. Folgen Sie also der Spur aus Steinsplittern, die immer dunkler werden: vom hellen Marmor über den hellblauen Azul Bahir über hellbraunen nordischen Geschiebe schließlich zu schwarzem Diabas. Passieren Sie die Station der Religion, die von einem Crusader verkörpert wird, und lassen Sie auch die schwarze Magie in Gestalt einer schwarzen aufrechtstehenden Katze hinter sich.

Hochzeit wird gemacht, in schwarz und weiß. Das Fest kommt in Bewegung, es ist allerdings eine Bewegung nach unten, in den Abgrund. Sie müssen jetzt alles sagen. Sie sind vermutlich vom Dämon der Wahrhaftigkeit besessen. O welche Aufregung herrscht am Übergang. Bitte wenden Sie sich nun dem Kaktus zu, das ist der psychotropische Hochbau, in dem ein hochwirksamer Wurm wohnt. Die Ähnlichkeit mit dem Baum der Erkenntnis und der Schlange ist durchaus gewollt, sagt Stefan Rinck. Das zum Homunkulus notdürftig herangereifte Wesen kann nicht mehr auf den Grund seines eigenen Teiches gucken. Aber wer kann das schon? Die Befragung beginnt. Der lange Finger des Wurms weist Ihnen den Weg, bis der Wilde Ritt zum üblen Ende hin beginnt, wo auch die Vergangenheit unvorhersehbar ist. War es ein Fest? Nun, zumindest war es ein Ort zum Feiern: A Sunny Place for Shady People.

 

Monika Rinck